dbCF.de --- Die Dresdner Frauenkirche - Teil 2
Im Jahre 1945 fiel der Rosenmontag auf den 12. Februar. Nach mehr als fünf Jahren Tod und Vernichtung durch den bisher schlimmsten aller Kriege hatte kaum jemand von diesem zu normalen Zeiten für Frohsinn und Narretei bestimmten Datum sonderlich Notiz genommen. Nun war auch längst die unentwegte aus dem Volksempfänger trudelnde Melodien verstummt, die von dem bald einmal geschehenden Wunder kündete. Am Aschermittwoch ist alles vorbei - voller Sarkasmus und zugleich auf ein rasches Ende des Elends paßte wohl dieser Vers aus einem populären Karnevalslied treffender in die allgemeine Stimmungslage. Millionen Menschen waren umgekommen, Hunderttausende auf der Flucht irgendwohin, und Zehntausende solcher heimatlos gewordener Männer, Frauen und Kinder hatten Zwischenstation in Dresden eingelegt. Obwohl die Stadt bis dahin im wesentlichen vom Bombenangriff verschont geblieben war, konnte sie für die vielen Flüchtlinge nur sehr notdürftig Platz bieten. Besonders schlimm wurde es, als in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar - Fastnachtdienstag zu Aschermittwoch - die heulenden Sirenen Fliegeralarm verkündeten. Während einige in stumpfer Lethargie hilflos verharrten, hasteten andere mit panischer Angst schutzsuchend in die nächstgelegenen Gewölbe; einige hundert Menschen fanden den Weg in die Katakomben der Frauenkirche.
Später haben die Statistiker sachlich aufgelistet, daß 733 Flugzeuge ihre Bomben vor allem dort abwarfen, wo sich einmalige Zeugnisse der Kulturgeschichte konzentrierten. Der Zwinger Matthäus Daniel Pöppelmanns und das Residenzschloß der Wettiner, das Taschenbergpalais Constantia von Cosels und das Opernhaus Gottfried Sempers, die Rampische Gasse mit beeindruckenden frühen Bürgerhäusern sowie die geschichtsträchtige Kreuzgasse und noch viele weitere Bauten, Straßen und Plätze wurden über Nacht vernichtet. Durch jene Region, die vordem als eines der schönsten Stadtzentren überhaupt galt, wälzt dich eine Feuerwalze unvorstellbaren Ausmaßes. Wie starr vor Schreck stand die Frauenkirche inmitten des Chaos. Durch die gewaltigen Detonationen waren ihre Scheiben zwar zerstört, aber ansonsten schien sie erhalten zu sein. Gegen zwei Uhr erreichte die Glut das Bauwerk, drang durch die zerstörten Fenster in das Innere und setzte augenblicklich die Holzeinbauten in Brand. Die Menschen in den Katakomben tief unter der Kirche waren zur Untätigkeit verurteilt. Selbst wenn Wasser zum Löschen zur Verfügung gestanden hätte, hier konnte keine Macht der Welt mehr helfen. Dessen ungeachtet, stand ein näherliegendes Problem zur Lösung an: Sollte man eingedenk der über der Erde tobenden Hölle in den Gewölben ausharren? Umgeben von Särgen mit Toten aus längst vergangenen Zeiten, entsetzt über das Vernichtungswerk Lebender und mit dem Mut der Verzweiflung suchte man nach einer Antwort. Inzwischen war die Feuersbrunst über den Köpfen immer gewaltiger geworden, und man spürte wohl, in Kürze würde jegliche Fluchtmöglichkeit genommen sein. Gegen fünf Uhr stürmten Hunderte in fliehender Eile hinaus ins Freie dem Elbufer zu.
Das Bild, daß sich mit dem heraufkommenden Tag nach dieser Nacht bot, ist mit Worten allein nicht zu beschreiben. So weit die Augen schauen konnten, sahen sie Trümmerfelder, Ruinen und Tote. Fast unwirklich mußte es da anmuten, daß inmitten der Trostlosigkeit die scheinbar nahezu unversehrt gebliebene Frauenkirche stand. Ihrer vertrauten Umgebung leidig, wirkte sie noch kraftvoller als zuvor, aber zugleich auch machte sie in ihrer Einsamkeit die Katastrophe deutlich. Doch gottlob, das Wahrzeichen Dresdens, die Seele der Stadt, hatte überlebt. Nur einige Stunden lang konnten solche Gedanken gehegt werden, dann sackte die Kuppel nach unten. Ihre Steine mit ihrem Gesamtgewicht von weit über 20 000 Zentnern zerstörten die ausgeglühten und dadurch mürbe gewordenen Kirchenmauern in Sekundenschnelle. Als die gigantische Staubwolke zu Boden gegangen war, sah man dort, wo vor Minuten noch die Frauenkirche gestanden hatte, einen gewaltigen Trümmerberg, aus dem kläglich wenige Ruinen herausragten.
Es kann als ein Indiz für die enge Bindung der Bürger an das spätbarocke Bauwerk gelten, wenn schon wenige Monate nach Kriegsende, im August 1945, das Landesamt für Denkmalpflege die Chancen für die Wiedererrichtung untersuchte. Bei einem 13 Meter hohen Trümmerhaufen mit Schätzungsweise 20 000 Kubikmeter Bauresten konnte das wahrlich kein einfaches Unterfangen sein. Dennoch, die Fachleute kamen zu einem eindeutigen Schluß, und zwar dem, daß eine Rekonstruktion unter Einbeziehung von Originalmaterial möglich sei. Vom Winter 1948 an bis zum Frühjahr 1949 wurden 856 Steine beräumt. Gras und Unkraut konnten wachsen, so daß man in den fünfziger Jahren nicht ungern Schafherden hierher zum Weiden führte!
Die Ruinenreste sollten als Mahnmal an die Schrecken des Krieges stehenbleiben. Das war zu DDR-Zeiten so beschlossen worden, und viele Menschen, die ansonsten solcherart Entscheidungen nicht mit Beifall bedachten, fanden das richtig. Man könne, so ein wesentlicher Beweggrund, mit einem Wiederaufbau bestenfalls eine Kopie schaffen, andere hielten entgegen, eine wiedererstandene Frauenkirche wäre ein höchst willkommener Akt der Versöhnung. Im November 1992 verbanden sich engagierte Befürworter des Aufbaus zu einem Kuratorium und trieben mit viel Idealismus die Überlegung und Notwendigkeiten so voran, daß am 12. Februar 1993 offiziell ans Werk gegangen werden konnte.
Es ist imponierend, wie sich alle Beteiligten mühen, so viel wie irgend möglich originales Material verwenden zu können. Höchst selten sind jemals Trümmerberge mit der Sorgfalt wie in Dresden beräumt worden. Zuvor bezüglich der Lage vermessen, registriert und numeriert, transportiert man die Steine zur Zwischenlagerung in stählerne Regale. Die Bauleute hoffen, nach der Säuberung etwa 10 000 Einzelstücke aus alter Zeit in den Wiederaufbau einbringen zu können. Was für ein beglückendes Gefühl, das nicht allein nur Steine zu bergen sind, sondern inzwischen z.B. auch das zentnerschwere Turmkreuz unter den Trümmern zum Vorschein kam oder recht gut erhalten gebliebene Fresken des Altars freigelegt werden konnten.
Am 23. Dezember 1993 trafen sich Dresdner und Gäste der Stadt vorerst am Fuß der Kirche, die im nächsten Jahrtausend wiedererstanden sein soll, zu einem Gottesdienst. Möge das Aufbauwerk gelingen.
Aus "Die Frauenkirche zu Dresden" Seite 70ff, von Dieter Nadolski, erschienen beim Tauchaer Verlag, 1994, ISBN 3910074227